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Sport und Gesellschaft

Eine Botschafterin für Integration: Alöna Teterina aus Halle

| DOSB/Marcus Meyer

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) startete mit neuen Motiven der Kampagne "Wo ich herkomme? Vom Sport!" ins Jahr 2022. Eines der neuen Gesichter der Kampagne ist Alöna Teterina vom Internationalen Sport- und Kulturzentrum e.V. (ISK Halle). Die 44-jährige ehemalige russische Sportakrobatin kam 2003 nach Deutschland. Der Sport half ihr, in ihrer neuen Heimat, Halle an der Saale, Fuß zu fassen. Gemeinsam mit Ihrem Mann, einem ehemaligen erfolgreichen Boxer, gründete sie das Internationale Sport- und Kulturzentrum Halle e.V., kurz ISK Halle, das seit Jahren zu den Stützpunktvereinen des Bundesprogramms Integration durch Sport gehört und das 2017 mit dem Integrationspreis des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet wurde.

Man merkt es sofort an der aufrechten Haltung, mit der Alöna Teterina den Raum betritt: Ihr Rücken hat eine andere Schulung erfahren, als an einem PC oder einem Smartphone, nämlich auf der Turnmatte. Die 44-Jährige ist ehemalige Sportakrobatin, eine sehr erfolgreiche obendrein. In Russland, wo sie geboren wurde, hat sie es in der Disziplin, einer Mischung aus Turnen und Gymnastik, bis zur nationalen Meisterschaft gebracht. Bei aller Ästhetik, die der Sportakrobatik zu eigen ist, sollte man dabei allerdings nicht außer Acht lassen: Wie zumeist im Spitzensport, sind auch in diesen Fall Perfektion und Schönheit unter erheblichem Verschleiß des Körpers erkauft. Deshalb schmunzelt Alöna Teterina auch bei der unbedarften Frage, ob noch alles heil sei. „Ein bisschen“, sagt sie. Rücken, Halswirbelsäule, Knie, Beine, alles habe was abbekommen. „Ich habe aber immer weitergemacht. Wenn Du 20 Jahre alt bist, bist Du schon eine Rentnerin in der Sportakrobatik.“ Soll heißen: Da muss man durch.

 

Trotz der Blessuren, wie eine Rentnerin wirkt Alöna Teterina nun überhaupt nicht. Das liegt an ihrer vitalen Erscheinung und ihren allen Verletzungen widersprechenden behänden Bewegungen, es hat aber auch irgendwie mit den Begleitern, ihren Söhnen zu tun. Die sechs- und siebenjährigen Jungen strahlen beim Treffen so viel Energie aus, dass sich alle Anwesenden nach kurzer Zeit sprichwörtlich wie aufgeladen fühlen. Sich nicht zu bewegen, scheint bei und mit den Jungen keine Option, und die permanente Herausforderung für die Mutter wiederum kein Problem zu sein.



Die Gelassenheit und Ausdauer im Umgang mit ihren Söhnen dürfte der sportlichen Vergangenheit von Alöna Teterina geschuldet sein, aber wahrscheinlich noch mehr ihrem erlernten Beruf. In ihrer Heimatstadt Krasnodar war sie Sportlehrerin an einer Grundschule, der pädagogische Umgang mit dem kindlichen Bewegungsüberschuss gehörte also zum beruflichen Alltag. Und weil nicht jeder*m die südrussische Millionenstadt Krasnodar vertraut sein wird, ein paar willkürliche Brückenschläge. Durch den Fußballklub FK Krasnodar. Obwohl erst 2008 gegründet, hat er in den vergangenen Jahren bereits mehrmals im Europapokal gegen deutsche Vereine gespielt, etwa gegen den VFL Wolfsburg oder Borussia Dortmund. Durch das renommierte „Staatliche Institut für Sport“, an dem zum Beispiel der einstige Tennis-Weltranglistenvierte Jewgeni Kafelnikow ausgebildet wurde. Und schließlich durch die geografische Lage der Stadt, die - nach den Ausmaßen des größten Landes der Erde – nicht weit entfernt von Sotschi liegt, das Sportinteressierten als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 bekannt sein dürfte.



Zurück zu Alöna Teterina, die 2003 nach Deutschland kam. Sie war ihrem Mann Vladislav Rogozhin gefolgt, den sie während des Sportpädagogikstudiums kennengelernt hatte und der wiederum seiner in Deutschland lebendenden Familie wegen nach Halle gezogen war. Es war ein schwieriger Start für die Grundschullehrerin. Eine Arbeitserlaubnis bekam sie nicht, und, so erzählt sie, außer „Mama“, „Papa“ und „Eins, zwei, drei “ konnte sie nichts auf Deutsch sagen.



Doch Alöna Teterina sagt über ihren Start im unbekannten Land auch: „Sport war immer Teil meines Lebens, und er hat mir auch geholfen, in meiner neuen Heimatstadt anzukommen.“ Erst war sie wegen der fehlenden Arbeitserlaubnis als Trainerin in einem Verein tätig, dann gründete sie 2011 gemeinsam mit Ihrem Mann, der als russischer Landesmeister im Boxen ebenfalls auf eine erfolgreiche Sportvergangenheit blickt, das Internationale Sport- und Kulturzentrum Halle e.V., kurz ISK Halle.



Wie ernst sie die Begriffe „International“ und „Kultur“ im Namen ihres Vereins verstehen, bewiesen die beiden schon 2015, als Deutschland einen großen Zulauf an Geflüchteten erlebte. 50 Kinder aus rund einem Dutzend Ländern fanden Aufnahme und Hilfe beim ISK Halle, dazu eine Gruppe muslimischer Frauen, die die Möglichkeit erhielten, unter Ausschluss von Männern Sport zu treiben. Für sein interkulturelles Engagement erhielt der ISK Halle mehrere Auszeichnungen, darunter 2017 den Integrationspreis des Landes Sachsen-Anhalt. Zudem gehört das Zentrum seit längerem zu den Stützpunktvereinen des Bundesprogramms „Integration durch Sport“.



Mittlerweile trainieren rund 180 Mitglieder aus 40 Ländern im Verein. Darunter immer noch zehn der Jugendlichen, die 2015 als Geflüchtete ihre (sportliche) Heimat beim ISK Halle gefunden hatten. Boxen ist zwar nicht die einzige Sportart, die der Verein anbietet, auch allgemeines Bewegungstraining für Kinder und Frauen gehört dazu. Aber Boxen ist das Aushängeschild. Der ISK Halle ist das erfolgreichste Nachwuchszentrum in Sachsen-Anhalt, als Beleg reicht ein Blick auf die Vereinswebsite, auf der die vielen Erfolge im Jugendbereich aufgelistet sind. Sogar die beiden Söhne trainieren mittlerweile unter der Obhut des Vaters.



Ob Alöna Teterina ihren Söhnen allerdings das gleiche Versprechen abgenommen hat, wie einst die Mutter der Klitschko-Brüder, nämlich niemals gegeneinander zu kämpfen, hat sie nicht verraten. Nur so viel sagt sie, und das mit einem Lächeln: „Ich schaue nicht so gern Boxen im Fernsehen.“

 

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